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Berliner Zeitung Samstag, 13. März 2004
EXISTENZGRÜNDER 'Niemand nimmt dich ernst' Behinderte müssen auf dem Weg in die Selbstständigkeit mit ihrem Handicap kämpfen. Das größte Hindernis ist für sie aber fehlendes Vertrauen anderer in ihr Können.
Ruprecht Hammerschmidt
Von seinem alten Arbeitsplatz wollte Jürgen Beer gerne weg. So einfach fand sich für ihn aber kein neuer Job, weil er blind ist. Er überlegte deshalb seine Begeisterung für Unterhaltungselektronik zu seiner Arbeit zu machen und eröffnete einen Handel mit Geräten. Keine leichte Sache. 'Keiner nimmt einen mit einer Behinderung ernst', stellt er fest. Den Respekt musste er sich erst einmal erarbeiten. Inzwischen läuft sein Geschäft so gut, dass er einen Mitarbeiter einstellen konnte.
Behinderte Menschen sind besonders von der hohen Arbeitslosigkeit betroffen. Bei dem bestehenden Überangebot an Arbeitskräften stellt kaum ein Unternehmen Behinderte ein. Im vergangenen Jahr waren bei der Arbeitsagentur Berlin/Brandenburg über 10 000 Menschen mit Schwerbehinderungen arbeitslos gemeldet. Viele sehen im Schritt in die Selbstständigkeit eine Chance, am Arbeitsleben teilzunehmen. Etwa zehn Prozent von ihnen, schätzen Experten, wollen sich gerne selbstständig machen. Um ihnen dieses Vorhaben zu ermöglichen, hat sich jüngst das Projekt EnterAbility in Berlin gegründet, die sie dabei unterstützen will.
Mehr noch als Nicht-Behinderte haben Menschen mit einem Handicap nämlich Probleme, ein eigenes Geschäft zu gründen. Dabei blockiert sie die eigene Behinderung nicht in erster Linie. 'Oftmals fühlen sich Behinderte gar nicht selbst weniger leistungsstark, sondern von anderen unterschätzt', berichtet Manfred Rademacher von EnterAbility. Die Folge ist, dass sie von Beratungsstellen für Existenzgründer nicht ernsthaft unterstützt werden. Probleme gibt es auch bei der Finanzierung eines Vorhabens. 'Die Banken lassen sich kaum auf solche Projekte ein', berichtet Rademacher.
Dabei gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, wie Behinderte ihr Handicap ausgleichen oder - wie im Fall von Beer - sich sogar zu nutze machen können. So eröffnete ein Gehörloser etwa eine Schule für Gebärdensprache. Rademacher betont jedoch: 'Die Angebote von Behinderten für Behinderte sind die große Ausnahme.' Die meisten Interessenten entwickeln Ideen für kleine Ein-Personen-Betriebe, die sich an jedermann richten. Eine Frau, die wegen ihrer Rheumaerkrankung erst ab mittags arbeiten kann, versuchte ihr Glück vergeblich mit Bewerbungen. Es fand sich kein Arbeitgeber, der flexibel genug war, darauf Rücksicht zu nehmen. 'Wer offen mit seiner Behinderung umgeht, dem verschließen sich oft Türen', kommentiert Rademacher die Haltung von Unternehmen. Inzwischen hat die Betroffene ein Institut für Kultur- und Marktforschung gegründet. Ihre Termine legt sie sich so, wie es ihre Behinderung zulässt. Voll leistungsfähig ist sie - nur eben nicht jederzeit.
Wie bei anderen Gründern auch eignet sich aber nicht jede Idee zur Umsetzung und nicht jeder ist von seinem Charakter her sein eigener Chef. Mit den Beratern werden die Geschäftsideen, wie Schneiderei, EDV-Dienstleister oder behindertengerechte Pension auf ihre Umsetzbarkeit geprüft. Dabei wird besprochen, welche Belastungen dieser Schritt mit sich bringt und wie weit sich die Behinderung auf die Arbeit auswirkt. Stellt sich heraus, dass eine Idee wenig Chancen hat oder das Risiko zu hoch ist, springen viele Interessierte wieder ab. 'Rund zehn Prozent setzen ihren Plan tatsächlich um', berichtet Rademacher von EnterAbility. Diese erhalten von dem Projekt Unterstützung bei Vertragsabschlüssen, Anmieten von Büros oder Läden, Kenntnisse in Marketing, Finanzierung und Buchhaltung. Außerdem kann das Projekt an aussichtsreiche Vorhaben Gründungsdarlehen vom Integrationsamt vermitteln.
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